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Uncool, aber richtig
Die Hamburger Band Kettcar wehrt sich mit dem Album "Ich vs. Wir" gegen den Ego-Zynismus im Land. Auch der unsolidarischen deutschen Popszene stellt Sänger Marcus Wiebusch die Gewissensfrage. Ein Treffen.

Marcus Wiebusch ist schon lange Musiker in Deutschland, er weiß, was kommt, wenn man versucht, hierzulande Pop mit Haltung zu machen. "Ich warte täglich darauf, dass auf 'Sommer '89' eingedroschen wird, aus welchen Gründen auch immer", sagte er vor zwei Wochen beim Interview in einem Berliner Restaurant. Wenige Tage später war es tatsächlich so weit. "Zeit Online" veröffentlichte einen langen Text über Politik im deutschen Pop, der mit "Zombie, Zombie, yeah" überschrieben war.

Darin bekamen - einmal wieder und mit rhetorischer Säure - die sogenannten Deutschpoeten von Tim Bendzko bis Max Giesinger ihre volksbetäubende Schlagerhaftigkeit reingewürgt. Aber auch Wiebuschs Band Kettcar wurde abgekanzelt. Als "gutes Gewissen der deutschen Einmischmusik" wurden die Hamburger für ihr neues Lied bezeichnet, "Sommer `89 (Ich schnitt Löcher in den Zaun)" sei "ein Song für die linksalternative Blase", voll pflichtschuldiger Empörung, aber ohne Strahlkraft.

Zuvor war das Stück, das eine durchaus packende und berührende Geschichte über die deutsch-deutsche Flüchtlingskrise vor der Wiedervereinigung erzählt, von prominenten Popvertretern wie Dirk von Lowtzow und Olli Schulz gelobt worden. Die Schriftstellerin Juli Zeh meinte: "Ein Song wie gute Literatur".

Ein Satz, der Beißreflexe auslöst, wo die Codes der Rock'n'Roll-Coolness verwaltet werden. Kettcar-Sänger Wiebusch erlebte das vor drei Jahren schon einmal, als er, damals solo, sein Lied "Der Tag wird kommen" gegen Homosexuellenfeindlichkeit im Fußball veröffentlichte - und vom Linksintellektuellen-Blatt "Der Freitag" vorgehalten bekam: "Er steht im Popkultur-Kontext ganz klar auf der Seite der Etablierten, der Konsensrocker, der Langweiler. Das ist immer die falsche Seite." Wiebusch sei "so etwas wie der Peter Maffay der inzwischen erwachsenen Indie-Generation".

Die richtige oder die falsche Seite, genau darum geht es auf dem neuen, vehement politischen Kettcar-Album "Ich vs. Wir", das am Freitag erschienen ist. Die Band war in den Nullerjahren mit gefühlsorientiertem, aber engagiertem Gitarrenpop sehr erfolgreich, wurde gefeiert, aber auch viel geschmäht. Auf dem Hamburger Indie-Label Grand Hotel van Cleef, 2002 von Wiebusch, Bandkollege Reimer Busstorf und Thees Uhlmann gegründet, veröffentlichte auch Uhlmanns Gruppe Tomte.

Schon damals saß Wiebusch zwischen den Stühlen: Das Publikum feierte den Emo-Pathos der GHvC-Bands, die Popkritik kotzte und zieht bis heute eine rote Linie vom Tomte-Sound zum toxischen Befindlichkeitspop der Bouranis, Forsters und Poisels. Dabei stand vor allem Wiebusch lange auf der Seite des vermeintlich Guten. In den Neunzigerjahren veröffentlichte er mit seiner Band
…But Alive hochpolitischen Punkrock, der gegen alles und jeden stichelte.

Zu dieser Vergangenheit kehrte der 49-Jährige wieder zurück, als er sich zusammen mit Busstorf und seinen anderen Kettcar-Kollegen doch noch einmal aufraffte, um nach der kreativen Erschlaffung nach "Zwischen den Runden" vor fünf Jahren doch noch ein weiteres Album aufzunehmen. Er hörte sich noch einmal an, was er vor mehr als 20 Jahren in Liedern wie "Betroffen aufessen", "Natalie" oder "Nicht zynisch werden" über all jene "naiven Weltverbesserer" ausgekübelt hatte, die sich im Großen oder Kleinen engagierten. "Es gab eine Zeit, in der man das in linken Zusammenhängen sehr berechtigt kritisiert hat", sagt er, "aber diese Zeit ist komplett vorbei."

An die guten Geister der Welt

Diesen Haltungswandel thematisiert er im letzten, zusammenfassenden Song des Albums, "Den Revolver entsichern", der sich "an die ganzen guten Geister, die Romantiker der Welt, die mitfühlenden Seelen und was uns noch zusammenhält", richtet. "Gutmenschentum", sagt Wiebusch, "ist der Begriff, den ich mittlerweile im deutschen Sprachgebrauch am meisten hasse, weil er zum rechten Kampfbegriff geworden ist."

Der Song habe absichtlich ein dialektisches Motiv: "Früher habe ich euch gehasst, jetzt bin ich froh, dass ihr da seid, ihr NGO-Praktikanten, Flüchtlingshelfer und Greenpeace-Aktivisten: Ich feier' euch ab dafür, dass ihr noch irgendwas wollt." Der Zynismus, das Von-oben-Herab, das in den Neunzigern und bis in die Nullerjahre hinein in linken Popkreisen den Zeitgeist dominierte, sei keine Alternative mehr in einer Zeit, in der Antidemokraten wie Erdogan oder Trump gewählt würden und die AfD bei der Bundestagswahl über zwölf Prozent der Stimmen erhält.

"Das ist ein Trauerspiel, da kann man auch schnell verzweifeln und sich fragen: Wo sind eigentlich meine Leute? Mit wem will ich eigentlich verdammt noch mal da draußen noch was zu tun haben? Mit wem kriegen wir denn 'ne geile Gesellschaft hin? Das wollte ich ins Zentrum dieses Albums stellen", sagt Wiebusch. Mit ungewohnt ungemütlichen Gitarrensounds ausgestattete Lieder wie "Ankunftshalle", "Wagenburg" oder "Sommer '89" nennt er, ganz Hanseat, "Flaggschiffe". In Wiebuschs geschliffener, dringlicher Erzählprosa stellen sie Fragen nach Menschlichkeit, Solidarität und Wirgefühl.

Für Wiebusch gibt es dabei keine Eindeutigkeiten. In "Wagenburg" stellt er die volatilen Dynamiken des Miteinanders gegeneinander: "Ein Wir hebt gleichzeitig den Arm, ein Wir klatscht gleichzeitig im Takt". "Das eine ist total negativ, das andere, im Konzert- oder Festivalkontext, total positiv belegt", sagt Wiebusch. Das "Wir" der Egoschweine, die montagabends in Dresden oder Leipzig "Wir sind das Volk" brüllen, lehnt er "mit jeder Faser seines Körpers" ab: "Die meinen in Wahrheit doch: ICH bin das Volk und wollen im Grunde alles nur für sich."

Aber gibt es auch ein gutes "Wir", eines, das Solidarität jenseits von "Ein Hoch auf uns" meint? Für Wiebusch dreht sich diese Frage um Egoismus versus Empathie. Als Songwriter versteht er es, solche Abstraktionen plastisch und emotional aufzubereiten.

So, wie, die Kehle zuschnürend, in "Sommer '89", wenn der junge Hamburger, der in einer selbstlosen Aktion im Auto nach Österreich fuhr, um dort für Ostdeutsche bei Nacht und Nebel den Zaun zu öffnen, am Ende, wieder zu Hause, von seinen Freunden aus dem linken Umfeld kühl kritisiert wird: "Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch", wie es in der atemlos aufgesagten letzten Strophe heißt. Von Syrien und vom Spätsommer 2015 ist hier keine Rede, aber die Implikationen zur aktuellen Kontroverse über humanistische Hilfe und Obergrenzen sind ja klar. Die Lager, wer zu den Richtigen und wer zu den Falschen gehört, aber eben nicht. Es ist kompliziert.

Deshalb fordert Wiebusch vor allem seine eigene Szene, die "Kulturschaffenden, Publizisten, Künstler, Medien, Meinungsbildner" auf, zusammenzuhalten gegen Egoisten und Empathie-Verweigerer. Er lobt Bands wie Feine Sahne Fischfilet, die Antilopengang und Bands wie Kraftklub für ihr Engagement und hofft auf Kollegen wie Herbert Grönemeyer und Judith Holofernes, die sich zwar politisch geben, sich aber künstlerisch noch nicht bemerkbar gemacht hätten in diesen aufgewühlten Zeiten.

Dass gerade Indiebands, zu denen trotz allen Kritikerschmähs natürlich auch Kettcar zählen, Gefahr laufen, sich nur wohlfeil an ohnehin Bekehrte zu wenden, weiß Wiebusch, er appelliert daher an massenstarke Mainstreamkünstler: "Was wäre, wenn Helene Fischer sich in Interviews oder Talkshows klar zu der Flüchtlingskrise äußern würde?"

Das Gute am Konsens

Kontraproduktiv fände er es jedoch, wenn große Popkünstler, die sich hervorwagen, in Medien und Kritik gleich wieder niedergemacht würden, so "Böhmermann-mäßig". Den ZDF-Komiker verortet Wiebusch "auf der guten Seite der Macht", dessen vielbeachtete Deutschpop-Generalabrechnung "Eier aus Stahl" fand er in Teilen berechtigt, gut und lustig. Dennoch glaubt er, dass viele Popkünstler seitdem Angst hätten, sich zu positionieren. Er selbst sei auch nicht frei davon. Aber: "Wir sind in einer Phase der Kulturproduktion und -bewertung, wo wir einen respektvollen Umgang miteinander pflegen sollten", meint er - und wird sich noch beim Sprechen seines staatstragenden Tonfalls bewusst.

Vielleicht - wahrscheinlich - kriegt Wiebusch dafür jetzt wieder die eine oder andere Packung Häme ab. Vielleicht braucht es aber gerade eine zwischen Radiomainstream und Punkvergangenheit changierende Band wie Kettcar, die in die Masse ebenso wirkt wie in die Szene, um die Versteifungen im deutschen Pop für den kommenden Kulturkampf von rechts zu lockern. Unter solchen Umständen zur Konsensband zu werden, kann ja auch etwas Gutes sein.

"Ich vs. Wir" ist so oder so eines der kraftvollsten und wichtigsten deutschen Alben des Jahres - auch wenn die Musiker dahinter keine coolen Rock'n'Roll-Rebellen sind. Sie wollen die Verhältnisse mit erwachsener, aber deswegen nicht minder radikaler Empfindsamkeit zum Tanzen bringen. Wiebusch gibt sich selbstsicher: "Wenn jetzt einer zu mir kommt und sagt: Ey, macht doch mal Platz für die Jungen, macht euch nicht lächerlich, dann sage ich: Wenn die Jungen 'Sommer '89' schreiben, dann haue ich ab. Es gibt nicht so viele Bands, die jetzt so etwas schreiben. Ich schreibe es! Und ich weiß, dass es den Leuten krass viel bedeutet."

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