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  • Plattenteller: Young Knives – Ornaments From The Silver Arcade (2011)

    16 Apr 2011, 18:58 by romanmoeller



    Das neue Album meiner Lieblings-Indie-Band ist da! Die Musiksaison ist eröffnet. Ob das dritte Studioalbum die Erwartungen erfüllen kann, das klären wir jetzt!

    Ich weiß noch, wie ich vor ca. 3 Jahren das zweite Studioalbum „Superabundance“ zum ersten Mal auflegte (und wenig später auch rezensierte) und fast panische Angst hatte, dass meine Lieblings-Indie-Band ihren zweiten Longplayer verpatzt – zu gut erschien mir das Debüt „Voices of Animals and Men“ – zu groß war die Befürchtung, das die Knives das nicht wiederholen konnten. Die Angst war unbegründet – denn das zweite Album war im Rahmen einer gesunden Weiterentwicklung das Album des Jahres 2008. Doch: die gleiche Angst beschleicht mich auch dieser Tage wieder, als ich die dritte Platte erstmalig auflege und gespannt den Klängen lausche, die mich erwarten. Was die Young Knives neben messerscharfen Gitarren vor allem ausgezeichnet hat, waren offenkundig hirnrissige Liyrics – auf diesem Album vollzieht sich die größte Veränderung im textlichen Bereich. Die Texte sind zwar kryptisch gelieben, doch sind sie nicht mehr völlig bescheuert – wer also darauf wartet, dass die Knives wieder darüber singen, Collagen aus Gesichtern von toten Menschen zu fertigen („In the Pink“) oder am Gartenschlauch zu nuckeln („Counters“), der kann lange warten. Irgendwie ist das schon schade – denn diese Texte gehörten bislang stets zum Markenkern der Formation.

    Nun ins Detail: der Opener „Love My Name“ ist auch die erste Singelauskopplung und handelt, wie man weiß, davon, dass wir uns unser ganzes Leben über verändern, doch lediglich unser Name bleibt – als Singleauskopplung und Opener des Albums ist der Track die goldrichtige Wahl – denn der Gitarrenteppich haut wenigstens rein wie damals bei „Terra Firma“ (der ersten Singleauskopplung des Vorgängers!). Dann folgt „Woman“ – und der Hörer ist zum ersten Mal völlig überrascht und vielleicht auch ernüchtert – denn neben Gitarren (wie immer auf den Punkt gezupft) wird dieser Song auch von Horn-Einsatz (!) und weiblichen Background-Vocals (!!) geprägt – das muß erstmal sacken! Bei mehrmaligem Hören wird jedoch klar, dass dieser Titel die Weiterentwicklung der Knives symbolisiert und genau die Abwechslung zwischen harten Gitarrenriffs bringt, die das Album braucht, damit es nachher nicht heisst, dass sich die Jungs nur noch selbst wiederholen und keine neuen Einfälle mehr haben – dank (wie eigentlich auf dem ganzen Album) Melodien, die sofort im Ohr bleiben, wird die Nummer jedes Mal größer. Genauso wie „Woman“ könnte der dritte Titel „Everything Falls Into Place“ die nächste Singleauskopplung werden – die Gitarre ist wieder da, der Refrain bleibt sofort hängen, animiert gar zum Mitsingen.

    Nach dem Opener ist „Human Again“ dann für mich das zweite absolute Highlight. Zackige Gitarren als Intro, dann ein Klangteppich mit Keyboard à la Kaiser Chiefs – und schon geht’s los! Im Text könnte es um Geschlechtsverkehr gehen („Throw your bones up against the wall / In the morning you will feel human again / Loose yourself in the eye of the storm / In the morning you will feel human again“) – vielleicht, denn sicher ist gar nichts bei den Young Knives, auch nicht auf dem dritten Album! „Running From A Standing Start“ hat ein Intro wie ein Kaiser Chiefs-Hit (von Mark Ronson abgemischt!) und klingt ab Vokaleinsatz und insbesondere im Refrain („Running from a standing start / Trying to get to the line“) klingt wie ein Oasis-Song aus besseren Tagen, was positiv zu verstehen ist. Der melodisch am wenigsten fröhliche Song folgt dann mit „Sister Frideswide“ – auch hier gibt’s allerdings wieder einen Refrain, der sofort hängen bleibt. Wo haben die Jungs nur auf einmal die ganzen Killer-Refrains her?

    Obwohl „Vision In Rags“ dann etwas elektronischer klingt und damit eigentlich Abwechslung reinbringen sollte, handelt es sich hier irgendwie um Füllmasse, den einzigen Ausreißer ins leichte Mittelmaß und damit zum schwächsten Song des Albums. Die Strophe ist langweilig und der Refrain ist irgendwie zu beliebig und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Zum Glück geht’s dann mit „Go To Ground“ wieder steil aufwärts! Intro sind hier wieder die zackigen Gitarren, die der Nummer auf die Beine helfen. Nach der Strophe und kurzem „Oh ho ho ho ho!“ folgt die nächste Refrain-Killer-Melodie. Über den Text („If we don’t go to ground / together we may drown“) mag dann jeder philosophieren, wie es ihm beliebt. Der Refrain ist jederzeit eingerahmt von stilsicherem Gitarreneinsatz. „Silver Tongue“ eröffnet mit dem „frechsten“ Gitarreneinsatz des Albums – großes Kino! Auch hier hört man wieder weibliche Background-Vocals – alles halb so schlimm. „Go To Ground“ und „Silver Tongue“ – beides heisse Single-Kandidaten. „Storm Clouds“ ist dann sowas wie ein verlängertes Fade-Out, das etwas an „The Current Of The River“ vom Vorgänger erinnert – die einzigen Textzeilen: „What have you done now? / Look what you’ve done now / Storm clouds come and rain on me“. Das kann alles heissen und das soll es möglicherweise auch. Mit „Glasshouse“ geht das Album solide, aber nicht überragend und unter Verwendung des politisch nicht korrekten Wortes „fuck“ zu Ende.

    Was ist nun das Fazit? Die textliche Veränderung bleibt als größter Wermutstropfen, die musikalische Veränderung ist zu verkraften. Das Problem, was der Hörer der ersten Stunde hat, ist natürlich, dass das Album mit den beiden Vorgängern verglichen wird und daher manchem auch weniger gefallen könnte. Wäre „Ornaments From the Silver Arcade“ das erste YK-Album und hätten die Jungs das auch noch 2006 rausgehauen, wären sie möglicherweise so groß wie die Kaiser Chiefs. Mindestens. Beste -Band – Titel verteidigt!